
01
Jana Frericks
Ermittlerin · gründlich · wachsam
Ein Bauer stirbt. Alle halten es für einen Unfall. Jana Frericks nicht.
Auf einem Hof am Niederrhein beginnt eine Spur, die nicht in die Akte passt.

Franz Jansen liegt tot in seiner Güllegrube. Für alle anderen ist der Fall schnell erzählt. Für Jana Frericks beginnt er genau dort, wo die Akte eigentlich geschlossen werden soll.
Ein Hof. Ein Toter. Eine Substanz, die dort nicht sein dürfte. Und eine Ermittlerin, die sich nicht mit der einfachsten Erklärung zufriedengibt. Aus einem scheinbaren Unfall entwickelt sich eine Spur, die weit über den Hof hinausführt.

Jana Frericks sieht etwas, das andere übersehen: die Farbe der Gülle. Die Tiere. Spuren, die nicht zusammenpassen.
Im Hintergrund steht mehr als ein lokaler Betrug. Die Geschichte beginnt auf einem Bauernhof – und öffnet eine Tür zu einem Netzwerk, das lieber unsichtbar geblieben wäre.
GÜLLEGOLD verbindet den Niederrhein als realen Schauplatz mit einer düsteren Thrillerhandlung und Figuren, die nicht nach Schablone funktionieren.
Der Fall wird nicht von einer einzigen Figur getragen. Jede von ihnen bringt eine andere Erfahrung, eine andere Grenze – und eine andere Wahrheit mit.




Du bekommst hier nicht nur ein paar Absätze, sondern den tatsächlichen Einstieg in GÜLLEGOLD: den vollständigen Prolog und den Beginn von Kapitel 1.
Der Nebel lag noch schwer über den Feldern, das erste Morgenlicht ließ das Wasser des Rheins silbern schimmern. Neben dem stetigen Muhen der unruhigen Kühe hörte man das leise Rauschen des Flusses, unterbrochen vom rhythmischen Tuckern alter Schiffe, die gemächlich stromauf‑ und stromab glitten – der typische Klang von Vater Rhein.
Bauer Franz Jansen hatte seit dem Anruf der Bank kaum geschlafen:
„Noch drei Monate, Herr Jansen. Dann ist Schluss.“
Für die Bank war das ein einfacher Satz, für Franz das Ende einer Generation. Der Hof war seit jeher im Besitz seiner Familie, doch die neuen EU‑Nitratrichtlinien, eine miese Ernte nach monatelangem Regen und die steigenden Betriebskosten hatten das Geld zum Versiegen gebracht. Er war pleite.
Genau in dieser Phase seines Untergangs tauchten zwei fremde Männer auf.
„Ein wenig Flüssigkeit verschwinden lassen“, sagten sie, „harmlos. Mischen Sie’s in die Gülle, fahren Sie’s aufs Feld. Dafür zahlen wir Ihnen. Ihnen ist geholfen und uns auch.“
Sie legten einen Umschlag voller Geld auf den Tisch – genug, um die Bank zum Schweigen zu bringen. Genug, um Ruhe zu haben, und seine Frau hatte auch mal wieder ein neues Kleid verdient. Die Verzweiflung war größer als das Misstrauen, also stimmte Franz zu. Hatte er geglaubt, dass das Mittel wirklich harmlos sei? Nein, sicherlich nicht, aber gehofft hatte er es allemal. Die beiden fremden Männer, beide Europäer, wirkten kühl und berechnend, ihre Sprache verriet kein bisschen Kompromissbereitschaft.
OD-13, ein hochreines Vorläufer‑Chemikalium, das in der illegalen Synthese einer synthetischen Droge übrig blieb, war das, was sie ihm anboten. Ein Abfallprodukt bei der Herstellung von synthetischen Drogen. Noch am selben Abend begann Franz, das Mittel in die Gülle zu mischen.
OD-13.
Als wäre es ein Ersatzteil. Eine Nummer in einem Lagerbuch.
Nach jeder Charge blieb es zurück. Nicht viel auf einmal. Ein paar hundert Liter hier, tausend dort. Aber die Produktion lief Woche für Woche. Die Fässer stapelten sich schneller, als sie verschwinden konnten.
Am Anfang kippten sie es in Kanäle. Dann in alte Kiesgruben. Ein paar Ladungen verschwanden in Industriegebieten, nachts, hinter verlassenen Hallen.
Doch je größer die Labore wurden, desto größer wurde auch das Problem.
OD-13 war keine einfache Brühe. Es war eine aggressive Mischung aus sauren Reaktionsresten, Lösungsmitteln und metallischen Rückständen aus den Apparaturen. Dunkel, ölig, stechend im Geruch. Unverdünnt griff es Beton an, ließ Metall stumpf werden und hinterließ auf nackter Haut weißliche, verbrannte Flecken.
Man konnte es nicht einfach lagern. Die Säure fraß sich langsam durch Dichtungen. Kunststofftanks wurden spröde. Metallcontainer begannen zu rosten. Jeder zusätzliche Monat bedeutete ein Risiko – ein Leck, ein anonymer Hinweis, ein Feuerwehreinsatz.
Und es wurde immer mehr.
Die Menge machte es gefährlich.
Nicht die Chemie allein.
Also brauchten sie Volumen. Etwas, das ohnehin schon stank. Etwas, das niemand analysierte.
Bis jemand auf Gülle kam.
Ein paar Kubikmeter OD-13 in einer vollen Grube fielen nicht auf. Verdünnt zwischen tausenden Litern Mist, ausgebracht über Hektar von Feldern, verschwand die Spur im Boden. Langsam. Unsichtbar.
Der Schaden kam später. Verbrannte Wurzeln. Tote Mikroorganismen. Brunnen mit metallischem Geschmack.
Nur wenige Monate später zeigten sich die Folgen. Die Kühe schlugen mit den Köpfen gegen die Gitter, ihre Augen weiteten sich panisch. Kälber kamen verkrüppelt zur Welt, die Luft im Stall roch scharf und stechend. Franz selbst bekam heftige Kopfschmerzen, seine Frau klagte über ständige Unruhe und tränende Augen. Der Mais im Feld stand schief, ein kränkliches Graugrün, das im Wind kaum noch Kraft zu haben schien.
„Harmlos?“, dachte Franz, während er das Gift über die Felder verteilte. „Das hier wird uns alle umbringen.“
Nur wenige Tage später standen die beiden Fremden erneut in seiner Scheune.
„Also, Herr Jansen“, begann der ältere Mann, seine Stimme sachlich, aber eiskalt, „alles läuft, wie es soll. Wir haben in drei Tagen eine neue Fuhre für Sie.“
„Nein, die will ich nicht mehr haben!“, platzte Franz heraus, die Stimme bebend vor Wut und Angst. „Schauen Sie raus! Die Pflanzen sind krank, die Tiere drehen durch! Mein ganzer Hof ist verseucht. Was habt ihr mir da eingebracht? Nichts davon ist harmlos!“
Der jüngere Mann trat einen Schritt näher, ein kaltes Lächeln auf den Lippen.
„Sie bekommen Ihr Geld. Mehr müssen Sie nicht wissen. Stellen Sie sich nicht so an.“
„Mehr muss ich nicht wissen?!“, schrie Franz hysterisch. „Ihr habt gesagt ‚harmlos‘ – aber das hier bringt uns alle um! Meine Frau ist krank, die Tiere sterben, Sie Idiot!“
Sein Schrei hallte durch die Balken, übertönte das Knarren des Holzes. Der ältere hob beschwichtigend die Hand, doch Franz schrie weiter, die Hände zu Fäusten geballt, das Gesicht gerötet vor Zorn.
„Verdammt, halt die Klappe!“
Der jüngere packte ihn grob und stieß ihn zurück. Franz stolperte über eine alte Schubkarre, sein Bein verfing sich, und er fiel rückwärts. Ein dumpfes Knacken ertönte, als sein Nacken auf die Werkbank knallte. Stille. Ein fernes Muhen, ein einzelner Flügelschlag – alles wurde von der plötzlichen Stille verschluckt.
„Scheiße!“, fluchte der ältere. „Das ist ja mal richtig scheiße gelaufen!“
Der jüngere prüfte hastig den Puls. „Er … er ist tot.“
Sekunden dehnten sich zu Minuten. Der ältere nickte kalt.
„Das gibt Ärger. Wir müssen ihn verschwinden lassen.“ Sofort kam es ihnen in den Sinn, dass auch hier die Güllegrube helfen sollte.
Ohne ein weiteres Wort packten sie den reglosen Körper, zogen ihn zum Grubenrand und ließen ihn mit einem dumpfen Platschen versinken. Dabei löste sich ein Stück Stoff von der Kleidung des jüngeren Mannes und glitt lautlos ins Gras.
Der Hof blieb so still, wie er zuvor gewesen war. Die beiden Männer verschwanden wieder im Nebel. Sie hofften das es wie ein Unfall aussehen würde und niemand grosse Fragen stellen würde.
Doch im Wald, verborgen zwischen den Bäumen, hatte ein anderer Mann die ganze Szene beobachtet. Seine Augen verengten sich, jedes Detail brannte sich ein. Er war von seinem Chef dazu auserkoren, den reibungslosen Ablauf der Entsorgung zu gewährleisten - und das illegale Netzwerk um OD-13 und die damit verbundenen toxischen Abfälle unauffällig zu kontrollieren. Er wusste sofort: Ein toter Bauer bedeutet Komplikationen, und das war erst der Anfang.
Er sah, wie seine beiden Männer den Hof verließen, und spürte das vertraute Kribbeln, das er seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte – das Kribbeln, das jeder Auftrag mit sich bringt, der schief gegangen war. In seinem Inneren wuchs die Gewissheit, dass er zügig die nächsten Schritte planen musste, bevor die giftigen Rückstände noch mehr Leben zerstören und für Aufsehen sorgen würden.
Dennoch entschied er sich, zunächst noch in seiner Position zu verweilen. Wie gesagt, da war dieses Kribbeln. Er würde abwarten und beobachten.
Der Morgen hing schwer über dem Hof. Die Felder strengten sich an, den Nebel des frühen Morgen los zu werden, als hätte die Nacht nicht gelüftet. Absperrbänder flatterten im Wind, das Sonnenlicht schimmerte matt auf den feuchten Wiesen. Ein Streifenwagen stand schräg vor der Scheune, daneben der Milch-Lkw, dessen Motor noch warm dampfte.
Jana stieg aus und blieb einen Moment stehen. Jana Jansen, Polizeioberkommissarin der Mordkommission Emmerich. Kühe schnaubten, irgendwo klirrte Metall. Über der Güllegrube hing ein milchiger Schimmer, als hätte sich auf der Oberfläche ein dünner Film gebildet. Die Farbe irritierte sie – kein normales Braun, eher ein stumpfes Graugrün, fast leblos im Morgenlicht.
„Morgen“, sagte Brandt hinter ihr. Er sah mal wieder ungekämmt aus, als ob er keinen Schlaf gehabt hätte. Der Kaffee in seiner rechten dampfte in den letzten Zügen. „Die Spurensicherung ist durch. Sieht nach Unfall aus.“
„Oh, so schnell schon fertig? Was ist denn hier überhaupt passiert?“, fragte Jana, ohne ihn anzusehen.
Brandt, der neue und junge Polizeikommissar, war erst seit einigen Wochen neu in Emmerich am Rhein und Jana zugeteilt worden, nachdem ihr früherer Partner, dessen Stelle sie beerbt hatte, in den Ruhestand gegangen ist nach einem langen Leben im Polizeidienst. Brandt war der Frischling, der Neue, der seinen Platz noch finden musste. Er deutete mit dem Kinn auf die Scheune. „Sturz. Späte Stunde. Er war allein draußen. Seine Frau wollte ihn zum Frühstück reinholen. Als sie nicht finden konnte, fand sie ihn wohl mit der Hilfe eines Nachbarn in der Güllegrube schwimmen, nachdem der Hund vom Nachbarn anschlug und wie wild vor der Grube bellte und nicht aufhören wollte. Sie wollte ihren Mann sogar herausziehen, schaffte es aber nicht. Totaler Albtraum für die Spurensicherung.“
Unsere lieben Vierbeiner mal wieder, nickte Jane, mehr als Geste denn als Zustimmung. Sie zog die Handschuhe über, fühlte den leichten Widerstand des Gummis auf der Haut, und ging langsam an der Güllegrube vorbei zur Scheune. Der Weg war hart getreten, dazwischen weiche Stellen, in denen Stiefelabdrücke zu sehen waren. „Waren die beiden allein hier auf dem Hof?“, fragte sie.
„Ja. Die Kinder leben woanders, ich frag gleich nach. Kein Fremder auf dem Hof, kein aufgebrochenes Tor. Und …“, Brandt zuckte mit den Schultern, „die Bank hat wohl Druck gemacht. Du kennst das. Die Ehefrau hat es eben kurz angedeutet, bevor er Notarzt ihr ein Beruhigungsmittel gab. Wir können später nochmal versuchen, mit ihr zu reden.“
Jana blieb an der Schwelle der Scheune stehen. Staub hing in Streifen in der Luft, das Licht fiel schräg auf die Balken, Holz roch feucht und modrig. Vor der rechten Wand lag eine umgefallene Schubkarre, die Griffe zum Durchgang gedreht. Auf dem Boden, knapp dahinter, ein dunkler Fleck, der sich gegen den sandigen Betonboden abzeichnete.
Sie kniete sich hin. „Das ist Blut hier. Und keine Schleifspur zur Grube. Also erst Sturz, dann …“ Sie brach ab, spürte die Schwere der ganzen Situtation in ihrem Brustkorb.
„Keine Ahnung. Vielleicht nur leicht verletzt. Sind ja harte Burschen, die Bauern“, ergänzte Brandt leise. „Alltagsverletzungen, wie sie immer mal auf den Höfen vorkommen?!“
Jana richtete sich auf. Draußen zog eine Böe durch den Hof, trug den säuerlichen Geruch schärfer zu ihnen. Sie trat in den Ausgang, ließ den Blick über den Hofrand schweifen, hinüber zu den Maisreihen. Die Blätter glänzten anders. Komische Farbe, dachte sie, ohne der Erkenntnis eine Bedeutung zu gewähren.
Sie ging am Gülleverteiler vorbei, verschaffte sich einen Eindruck vom Hof und den Wegen zwischen dem Geschehenen, bog dann ab, zwischen zwei Kälberboxen hindurch. Ein Kalb atmete pfeifend, die Augen milchig, zu groß für den kleinen Kopf. Jana blieb stehen und legte die Hand an die Gitterstange. Das Tier stupste zaghaft dagegen. Ein leises Zischen, als wolle es sie warnen.
„Was los, Jana, solche keine Missgeschicke kommen doch vor - oder?“, sagte Brandt hinter ihr, sanft, fast väterlich.
„Es ist ein Toter, wir sollten wie immer alles überprüfen“, entgegnete Jana und ging weiter, den Herzschlag des Tieres noch in den Fingerspitzen spürend. Sie spürte einen unangenehmen Druck in ihrem Kopf aufsteigen und war sich sicher, dass ihr ein weiterer Kaffee zu so früher Stunde fehlte.
Am Rand der Grube stoppte sie. Das Betonoval war mit Algen beschlagen, an einer Stelle hatte jemand mit der Hand darüber gewischt – eine frische Spur in der schmierigen grrünen Schicht. Die Spusi würde einen Bericht schreiben, was hier passiert sein könnte. Als Jana wieder zu Brandt ging, fiel ihr Blick auf etwas, das abseits im Gras lag, ein zufälliger Blick, mehr nicht. Dennoch – Jana beugte sich vor. Im Gras lag etwas Dunkles, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, halb im Tau, halb am Rande des Schlamms. Wie konnte die Spurensicherung das übersehen haben.
Sie hockte sich hin. Ein Stück gummiertes Gewebe, an einer Seite rau, als hätte Klettband daran gesessen. Komisches Material, schwer, fast wie die Aufnäher, die sie früher an der Uniform ihres Opas gesehen hatte. Jana wusste jedoch sofort: Das gehörte nicht hierher. Ein kleines, stilles Puzzle, das etwas Bedeutendes andeutete.
„Alles gut?“, fragte Brandt.
Jana schob das Stück Textil mit zwei Fingern in die Handfläche, ließ es in der Innentasche der Jacke verschwinden und stand auf. „Na klar“, sagte sie und klopfte sich die Handschuhe ab. Ihr Herz pochte so laut, dass sie es selber zu hören meinte.
Aus den Bäumen am Feldrand kam der kurze Schrei eines Eichelhähers. Jana blickte hin, sah aber nur Schatten und das Grau der Stämme. Ein Windstoß strich über das Gras; das Absperrband knallte leise im Wind.
„Dann sprechen wir mal mit der Ehefrau“, sagte sie. „und mit dem Fahrer der Molkerei.“
„Ok“, sagte Brandt. „er wollte eigentlich weiterfahren, als die Streife ihn gebeten hat zu bleiben.
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